Roboter und Schwimmfarn

 

Bei der Industriemesse in Hannover präsentieren Firmen und Hochschulen aus der Region Innovatives


RHEIN-SIEG-KREIS/BONN. Industrie 4.0 - dieses Schlagwort fällt dieser Tage auf der Industriemesse in Hannover immer wieder. Gemeint ist der Aufbruch in ein neues Industriezeitalter, in eine neue Ära der Automatisierung und Digitalisierung von Betrieben.

Automatisierungslösungen von ZBV auf der Hannover Messe
Neue Technik für die Fabrik: Die Delegation aus dem Rhein-Sieg-Kreis bei der Firma ZBV Automation. Foto: Dominik Pieper
ZBV-AUTOMATION - Ihr Spezialist für Montageanlagen in Automotive, Elektro und Pharma auf der Hannover Messe
Am Stand der Wissenschaftsregion Bonn zeigt Birte Böhnlein, was Schwimmfarn mit innovativen Beschichtungen zu tun hat. Foto: Dominik Pieper

Wie sich die Region darauf einstellt, das kann man bei der heute endenden Messe erleben. Dort präsentieren Unternehmen und Hochschulen aus Bonn, dem Rhein-Sieg-Kreis und dem Kreis Ahrweiler innovative Projekte.

Davon konnten sich jetzt Delegationen aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis überzeugen. Begleitet von den Wirtschaftsförderern Victoria Appelbe (Bonn), Hermann Tengler (Rhein-Sieg) und Tino Hackenbruch (Ahr), verbrachten Vertreter aus Stadtrat und Kreistag einen Tag auf der Messe.

Die Industrie 4.0 gilt als zwiespältig: Die Entwicklung neuer Technologien schaffe neue Jobs, sagen die einen. Noch mehr Automatisierung der Produktion vernichte Jobs für geringer qualifizierte Arbeitnehmer, sagen die anderen.

"Industrie 4.0 ist ein Prozess, der längst im Gange ist und der auch nicht so schnell beendet sein wird", sagte Hermann Tengler, der unter anderem die Firma ZBV Automation aus Troisdorf besuchte. Dort traf er Firmengründer Norbert Berse und dessen Sohn Michael Berse.

Der Betrieb stellt Systeme her, die in der Montage und in der Sortierung zum Einsatz kommen. Am Messestand sortiert ein kreisender Roboterarm in rasantem Tempo Werkstücke, ebenso Zentrifugalförderer, die bis zu 3000 Teile pro Minute durchschleusen. Die Maschinen arbeiten platzsparend, präzise und wartungsarm.

Die fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung von Betrieben wirft auch Probleme auf - Stichwort Datensicherheit. Das in Bonn ansässige Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik demonstriert anhand einer selbst gebauten Sortierungsanlage einer "Schokolinsenfabrik", wie leicht Hacker ins System eindringen können und sogar Notfallmechanismen außer Kraft setzen.

"Unternehmen werden in Zukunft viel vernetzter arbeiten. Dadurch bieten sie eine viel größere Angriffsfläche", erklärte André Wichmann vom Bundesamt. Er riet den Firmen, Mitarbeiter zu sensibilisieren und Netzwerke abzuschirmen. Auch sollten Netze "segmentiert" werden, das heißt in verschiedene Bereiche - Büro, Forschung/Entwicklung, Produktion - unterteilt werden. "Ansonsten kann es passieren, dass durch einen Angriff auf einen einzigen Punkt die ganze Firma lahmgelegt wird", so Wichmann.

Bei der Messe präsentierte sich auch die Wissenschaftsregion Bonn. Bereits seit den 90er Jahren haben die Bundesstadt, der Rhein-Sieg-Kreis und der Kreis Ahrweiler einen gemeinsamen Stand. Zentrales Thema ist die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft - in Form von Gemeinschaftsprojekten und innovativen Produkten.

So präsentiert das Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen an der Universität Bonn eine spezielle Beschichtung. Nach dem Vorbild von Schwimmfarn und Rückenschwimmern wurde eine lufthaltende Oberfläche entwickelt, die für den Schiffbau interessant ist. Sie reduziert die Reibung zwischen Rumpf und Wasser, was zur Einsparung von Treibstoff führt.

Der Campus-Rhein-Ahr Remagen und Fraunhofer zeigen einen Tragschrauber (Mini-Hubschauber), der mit einer neuartigen Spezialkamera ausgerüstet ist. Diese liefert Messdaten aus der Luft, ob nun bei der Verkehrsüberwachung oder beim Gewässerschutz. Das kleine Fluggerät gilt als kostengünstige Alternative zu Hubschraubereinsätzen.

Noch nicht marktreif, aber durchaus verblüffend ist der "unkaputtbare" Werkstoff, den Student Jörn Meier von der Fachhochschule Köln präsentierte: ein "Polypropylen-Sandwich", zwei Kunststoffplatten mit Wabenstruktur dazwischen.

Das Stück, das er bei Kardour in Troisdorf gefertigt hat, ist Gegenstand seiner Bachelorarbeit. Und es stieß auf reges Interesse: "Ursprünglich war das Teil als Bodenbelag für einen Pferdeanhänger gedacht. Die Messebesucher haben aber noch zig andere Ideen, was man damit anstellen könnte", so Meier.

Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist unter anderem mit einem Verfahren zur Identifikation des Asiatischen Laubholzbockkäfers vertreten: Der Schädling, der über internationale Warentransporte eingeschleppt wird, hat hierzulande keine natürlichen Feinde. Das macht ihn zu einer Gefahr.
Industrie 4.0

Industrie 4.0 steht für die vierte Revolution des Industriezeitalters. Nach der Erfindung der Dampfmaschine (1784), der Einführung der Fließbandproduktion (ab 1870) und dem Einzug der Computer in Unternehmen (ab 1969) spielt nun das Internet eine immer wichtigere Rolle bei Produktionsprozessen, ebenso intelligente Maschinen, die sich selbst organisieren und untereinander kommunizieren.

Von Dominik Pieper